Impressionen: Anna Schimkat

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par Constanze Fritzsch

C8 H11NO2

 

Die 1974 in Darmstadt geborene Künstlerin Anna Schimkat versteht ganz im Sinne der Auffassung der Ausstellungen von Lucy Lippard oder Szeemanns Kunst als Wissenschaft, als experimentelle Anordnung zur Hinterfragung verschiedenster Phänomene wie der Wissenschaft selbst.

Nach ihrem Studium an der Bauhaus-Universität Weimar verbrachte sie einige Zeit in Kanada als Gast eines Forschungsinstitutes für Neurowissenschaften, wo sie sich vor allem für die dank modernster Technik wie die Kernspintomographie errechnete Sichtbarkeit von Wahrnehmungen und Gehirnprozessen interessierte. Im Gegensatz zu der dort postulierten Erklärbarkeit des Menschen und die Vorausberechnung seiner Gefühle und Reaktionen, was dem Menschen einen gewissen degradierten Subjektstatus anhaftet, stellt sie das Individuum in den Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens, d.h. die Analyse der Wahrnehmungen des Individuum vom Individuum aus zu denken.

Dieses Nachgehen der menschlichen Wahrnehmungen vollzieht sie vor allem in ihren Klanginstallationen und –performances, die immer auch partizipativ gedacht und konstituiert sind, obwohl das partizipative Element ihrer Arbeiten seit ihrer Zeit am Bauhaus und in Wien in den Hintergrund getreten ist.

Die Erfahrung der wahrgenommenen Klänge oder des wahrgenommenen Klangs scheint hier immer einher zu gehen mit einer Erfahrung des eigenen Ichs nach Leibniz, der neben der passiven Rezeption, der aktiven Perzeption, die jedoch keine kognitive Aktivität bei der Wahrnehmung hat, auch die Apperzeption benennt. Apperzeption begreift er als eine bewusste, aktive Wahrnehmung des Stimuli und eine Reflexion dieses auf das Bewusstsein und somit auch eine Erkenntnis und Bewusstmachung dieser individuellen Wahrnehmung zulässt.

C8 H11NO2

Theoretisiert und praktisch ausgeführt hat Anna Schimkat dies für ihre 4-Kanal-Soundinstallation C8 H11NO2, indem sie alltägliche Hintergrundgeräusche, das Geräusch eines Pulsars und der Schumann Resonanzschleife übereinanderlegte.

Ganz im Sinne John Cages soll Kunst als eine Art Labor betrieben werden, in dem das Leben ausprobiert wird. Jedoch nicht nur die menschliche Wahrnehmung wird eruiert und erforscht sondern auch der Ton selbst. Erkundung des Tons: wann ist ein Ton ein Ton? Was macht ihn zum Ton, wobei vorausgesetzt wird, dass alles einen Klang hat und somit zum Ton generiert werden kann?

Jedoch im Gegensatz zu Cage, der vor allem mit den Klängen und Tönen des Alltags experimentierte, erforscht und analysiert Anna Schimkat eher die synthetischen Klänge wie weißes Rauschen, das Geräusch des Kernspintomographen, die sie den natürlichen Klängen wie Straßenlärm entgegensetzt. Diese werden auch in Liveperformances durch Wiederholungen, Übereinanderlegen, Mischen und das Prinzip des gewollten bzw. provozierten Zufalls, wie es auch die Surrealisten praktizierten, zu Soundcollagen komponiert.

Die Frage, wie wir überhaupt Erfahrungen machen, und das Bewusstsein für dieses Zustandekommen von Erfahrungen schärfen, stellt sich Anna Schimkat mit ihren Arbeiten selbst aber auch an den „Betrachter“ dieser, der dies aktiv durch die Arbeiten erfahren und erleben kann. Dank der ausgelösten Erfahrungen der Klanginstallationen wird der Betrachter auch angeregt die evozierten Reaktionen wie Gefühle zu eruieren und somit wiederum ein Stück Erkenntnis seiner selbst zu gewinnen.

kapitulation international

 

Jedoch wird mit Arbeiten wie „kapitulation_international“ das Individuum auch in größere globalere Zusammenhänge wie die Frage nach den Grenzen eines kollektiven, nationalen Wirs gestellt. Die Flaggen der 193 souveränen Staaten werden reduziert auf ihre Seitenverhältnisse in weißen Fahnen und in alphabetischer Reihenfolge auf sieben Spannseile in einem Holzrahmen aufgehängt. Die Farbe Weiß verweist auf die Farbe der Kapitulation, die hiermit im Sinne einer nationalen Grenzziehung als Akt der Kapitulation funktioniert. Die Infragestellung der Grenzziehung als willkürlichen Akt wird somit auch zu einer Aufreihung von banalen weißen Wäschestücken, die in der Sonne trocknen.

 

kapitulation international

 

Écrit par Emilie Bouvard

1 novembre 2012 à 12:00

Posté dans Leipzig